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Frühstückspause Interview zur Israel-Tour

Interview: Meik

Frühstückspause sind immer wieder gern gesehene Gäste in der MF und als ich hörte, daß die Jungs sich auf Israeltour begaben, war klar, da wollte ich Exklusivinfos... Und Vollki stand natürlich auch sofort Rede und Antwort und sein „kurz und knapp“ lest Ihr hier, hier wird nicht geklagt und auch nicht gemauert...

 

Ihr ward vor kurzem in Israel auf Tour. Wie kam es dazu und wer hat Euch eingeladen, oder habt Ihr selber dafür gesorgt, mal in Israel spielen zu dürfen?

Hallo Meik, vorab erstmal vielen Dank für Dein Interesse an unserem nicht ausnahmslos beliebten Sauhaufen. Du bist quasi unser treuester Journalist, wenn ich Dich mal völlig unbeleidigend so nennen darf.

Ein Freund von uns war vor einem Jahr in Israel und hat dort ein bisschen Werbung in Form von Gratistonträgern usw. für uns gemacht. Eine seiner dort ansässigen Entsaftungsgehilfinnen verschaffte uns den Auftritt in Jerusalem im Klub "The Cassette".  Ein Produzent für Elektromucke holte uns parallel ebenfalls ins Land, haute aber die Termine durcheinander und wir hätten an einem Abend an 2 weit voneinander entfernt liegenden Orten spielen müssen. So blieb es nur bei dem einen Gig in Jerusalem. Und wir hatten außerplanmäßig 2 Tage Zeit für Tourismus.

 

Israel ist ja nicht gerade ein „normales“ Land, in das man problemlos ohne große Formalitäten einreisen und Urlaub machen, bzw. touren, kann. Mit welchen Hürden mußtet Ihr vorab kämpfen?

Ein Visum benötigt man nur, wenn man vor/in den 1920er Jahren geboren wurde. Offensichtlich wird immer noch nach Herschel Grünspan's Tresordieben gefahndet. Ansonsten war die Einreise vergleichbar mit Reisen vor der Wende innerhalb des Ostblocks. Du mußtest vor finster dreinblickenden Uniformierten Schlange stehen. Höflichkeitsfloskeln prallten an ihnen ab. Auch unsere Instrumente gingen problemlos durch. Ich hatte mir vorsichtshalber für die Reise einen chinesischen 50 €-Baß zugelegt. Das wäre  aber im Nachhinein nicht notwendig gewesen. Aus Israel raus ging es etwas hürdenreicher. Circa 4 Verhöre mußten wir über uns ergehen lassen. Sie fragten uns z.B., wie lange wir uns schon kennen, wer als Letzter in die Gruppe kam, ob wir Geschenke bekamen, was wir während unseres Aufenthals gemacht haben, wie die Band heißt usw. .

 

Israel ist ja ein Land, wo jederzeit wieder ein Faß überlaufen kann und man inmitten von Gewalt und Krieg ist. Hattet Ihr Ängste, nach Israel zu reisen und welche waren das?

Durch unseren Freund, welcher vor einem Jahr dort war, wurden die Tagesschau-Klischees etwas zum Positiven korrigiert. Er hatte uns auch die "richtigen" Antworten für das Einreiseprozedere empfohlen. Ansonsten sind wir mehr oder weniger ins Blaue gereist.

Ich hatte im Vorfeld ein wenig israelische Nachrichten auf deutsch im Internet verfolgt. Auch dies ergab keinen Negativbefund. Zugegeben, ein bißchen Respekt hatten wir schon. Auch, weil wir zu neunt waren und alle doch ziemlich hedonistisch veranlagt sind, um es mal gelinde zu formulieren. So reisten wir quasi noch fast fahrtüchtig ins Land ein, denn besoffen wird man auch gleich zurückgeschickt. Wir hatten vorsichtshalber noch die anstößigen Rückseiten unserer neuen Provinzmädchen-Platten abgedeckt. Auch unser 10% PC-Shirt wollten manche lieber nicht während der Einreise anhaben.

 

Ich glaube, Ihr seid gerade noch rechtzeitig zurückgekommen, da Israel ja nun wieder mal im Kriegszustand ist und militärisch gegen die Palästinenser vorgeht. Habt Ihr während Eures Aufenthalts den Unruhezustand wahrgenommen?

Unser Hotel in Jerusalem lag im arabischen Viertel. Dort war eine sehr hohe Militärpräsenz. Nachts wurden aufgescheuchte Araber durch die Straßen getrieben, Schüsse und weinende Kinder inklusive. Spätimbißbetreiber gingen routiniert in Deckung und dann wieder zur Tagesordnung über. Am Tag ließen es sich die Araber aber auch nicht nehmen, sobald ein Militärposten pinkeln war, ihm sogleich die Sperrzäune umzuwerfen usw.. Liebe Hooligans, scheißt auf alles, was ihr bislang im Stadion erlebt habt.

Meiner Wahrnehmung nach  war dies aber täglicher Normalzustand. Zumindest dort, wo eine höhere Dichte von Arabern herrscht. So daß eigentlich von einem unmittelbaren Vorboten des aktuellen Konflikts nicht gesprochen werden kann.

 

Israel ist immer schnell dabei, wenn es darum geht, anderen Ländern den Besitz von Atomwaffen vorzuwerfen, selber besitzen sie aber eben auch diese todbringende Waffe. Auch hält Israel wenig von der Einhaltung von Menschenrechten und bombardiert zivile Ziele der Palästinenser und bringt damit Tod, Not, Elend, Leid, whatever über das palästinensische Volk und die westliche Welt wird gleich mit der Antisemitismuskeule ruhig gestellt. Habt Ihr mitbekommen, in wie weit das israelische Volk und auch die subkulturelle Szene hinter dieser Staatspolitik steht, oder sich davon distanziert?

Da es während unseres Aufenthalts überwiegend ruhig war, abgesehen vom oben erwähnten Araberviertel, kam dieses Thema nicht auf. Es gibt ja diese internationale BDS-Kampagne, wonach internationale Bands Auftritte in Israel boykottieren. Dieser Protest richtet sich auch gegen die täglichen Repressalien, welche das palästinensische Volk erfährt. So färbt dieser Protest natürlich auch auf die dortige Subkultur ab.

Solange Leute an Kriegen verdienen, wird es Kriege geben. Solange Leute an Milch verdienen, wird es Kuhställe geben. Usw. ... Soweit ich weiß, hat sich in diesem Jahr der Rüstungsetat in Israel vervielfacht. Und der Westen profitiert ebenfalls davon. Der Kapitalismus ist nunmal so programmiert. Er kann gar nicht anders. Und auf Menschenrechte wird in der gesamten geldregierten Welt geschissen. Unsere BRD inklusive. Als ewige  unsouveräne Eimerträgerin  der Vereinigten Staaten. Erwarte also nie  offizielle Israelkritik.

 

Gab es Bedenken Eurerseits, in einem Land zu spielen, das einem Pulverfaß gleicht und u.a. Umständen sicher von westlichen Völkern in vielen Dingen sanktioniert werden würde?

Unsere Familien hatten, glaube ich, mehr Schiß als wir. Moralische Bedenken gab es nicht. Unser Besuch galt den Freunden ungehobelter Beatklänge. Nicht den Zionisten.

 

In einer Doku über Punk und Hardcore in Israel erfuhr ich, daß vieles improvisiert wird und das DIY noch groß geschrieben wird, so wird beispielsweise bei Konzerten auch mal eine Laterne angezapft, um Strom zu haben. Wie waren die Konzerte organisiert?

Im Klub The Cassette standen wir in einem winzigen geöffneten Raum, welcher einen größeren Freisitz beschallte. Die "Anlage" hatte tiefstes DDR-Punk-Niveau. Aber aufgrund unserer Erfahrungen mit Auftritten an skurrilen Orten, wie Imbisse, fahrende Eisenbahnen, Plattenläden usw.,  konnten wir diesem Schrotthaufen sowas wie nen brauchbaren Sound entlocken. Der Rest war wie gewohnt. Wir hatten alle Getränke frei. Werbung gab es übers Visagenbuch im www.

 

Mit welchen Bands spieltet Ihr in Israel zusammen und was für Bands waren das?

Nach uns trat ein Mädel auf, welches Ihrem Laptop schräge Elektroklänge entlockte. Mir gefiel es.

 

Wie viel und was für Menschen waren auf den Konzerten anzutreffen?

Der Freisitz und die kleine Bar waren voll besetzt, schätze so an die 100 Leute. Sie waren schon irgendwie szenemäßig. Typische Erkennungsmerkmale einzelner Szenen konnte ich nicht erkennen. Es liegt sicher auch daran, daß alle jungen Männer zum langen Wehrdienst einberufen werden. Dadurch hat es z.B. die Punkszene schwer, sich kontinuierlich und nachhaltig zu entwickeln.

 

Waren unter den Konzertbesuchern auch Palästinenser? Gab es Streitigkeiten o.ä.?

Es war alles friedlich. Dort wo wir spielten, war alles irgendwie klassenlos. Sehr angenehm.

 

Hier sieht man ja inzwischen recht viele Frauen bei Punk- und Oi!-Konzerten, wenn einige auch eher zum Barbiepuppencontest gehören, so kann man auch von einer festen Größe an Szenefrauen reden. Wie steht es mit dem Frauenanteil auf Konzerten in Israel?

Bei uns war's gut gemischt. Ich weiß allerdings nicht, ob das repräsentativ ist.

 

Wie war die Stimmung auf den Konzerten und wie muß man sich Konzerte in Israel vorstellen? Was ist anders als in Europa oder Deutschland?

Durch den Mangel an internationalen Bands hat man dort ein sehr dankbares Publikum. Mit 'nem israelischen Paß kann man halt auch nicht mal schnell nach Indonesien düsen, um sich Punk-/Oi!-Konzerte anzusehen. Die Anwesenden hatten Spaß und trotzten uns nach einer Pause einen weiteren Auftritt ab. Platten wurden gekauft und mußten teilweise unterschrieben werden. Es war nichts dabei, was in Deutschland nicht hätte auch passieren können.

 

Ihr habt ja, getreu dem Punkmotto, auch Texte, die provozieren und anecken. Habt Ihr Eure Setlist für die Israelkonzerte überarbeitet, sodaß es zu keinerlei Mißverständnissen bei den Zuschauern, oder gar zu Ärger mit der Staatsmacht kommen konnte? Oder habt Ihr einfach den Bauch entscheiden lassen?

Es war wie immer; eine grobe Setlist und der Bauch führten den Taktstock. „Hofo“, „Antisozial“, „Angela Ferkel“ - nichts fehlte.

 

Kam es zu Problemen oder Mißverständnissen aufgrund Eurer Songs und welche waren das?

Nein.

 

Habt Ihr auch schon das Lied „Osama bin durstig“ im Gepäck gehabt und wie nahm das der Mob auf?

Den hatten wir nicht gespielt. Aber eher aus Alzheimergründen. Der war noch zu neu, als daß die Greifhand den schon autonom hinbekommen hätte. Das israelische Lagerbier vom Faß tat sein Übriges.

 

Wie ging der Mob allgemein mit deutschen Texten um, gab es da Verständigungsschwierigkeiten, oder ging es den Leuten eher um die Musik und Punk allgemein?

Denen ging es um die Musik. Wir hätten wahrscheinlich auch Lxxxrsongs covern können, Hauptsache der Beat stimmt.

 

Ich sprach ja den Do It Yourself-Gedanken der Szene schon an. In wie weit habt Ihr da Einblicke bekommen, was dort in der Szene noch eher basisbezogen läuft als in Europa und Amerika? Hier wird ja schon jede drittklassige Punkband besser vermarktet als die Schlagerhelden von einst, denen nur noch die Krümel in Form von Baumarkteröffnungen bleiben...;-)

Zumindest war mein Eindruck, daß die Aktivitäten der Szene übersichtlich sind. Die Kommunikation ist schwieriger als in Deutschland. Dies bestätigte uns auch unser Label. Der Email -Kontakt zur israelischen Bandwormband BoLabar z.B. ist holprig. Keiner weiß so genau, wo die Mails ankommen, oder wie sie umgeleitet werden. Diese Erfahrung machten auch wir, beim Versuch, im Vorfeld Kontakte herzustellen. Mein Eindruck war außerdem, daß der gemeine Konzertveranstalter völlig relaxt ist. Und daß nicht, wie in Deutschland, wegen des kleinsten Subkulturfliegenschisses eine Riesenwelle gemacht wird.

 

Wie ward Ihr untergebracht und wie war die „Betreuung“ Eurer Gastgeber?

Unser Araberhotel war wie ein bekotztes Pennerheim früh um vier in Deutschland. In der Cassette hatten wir alles frei. Das war's auch schon. Pay to cum.

 

Was sollte man in Israel auf jeden Fall machen und was sollte man besser lassen und warum?

Jerusalem ist eine sehr schöne und geschichtsträchtige Stadt. Auch im Toten Meer sollte man mal gelegen haben. Tel Aviv hingegen ist eine stinknormale amerikanisierte Metropole. Dort entschädigt wenigstens das Mittelmeer. Nach Mitternacht sollte man dubiosen fahrenden vermeintlichen Bierverkäufern keine Vorkasse leisten. Und bei den in Tel Aviv verstreuten Nutten-Visitenkarten gehen Kerle ran.

 

Noch kurz zur neuen Pladde, ich kam ja schon in den Genuß die neuen Songs zu hören und bin wieder einmal begeistert. Wann soll die Scheibe erscheinen? Erzählt mal was zum kommenden Release.

Die Single war eingentlich nicht geplant. Aber da wir bei der Aufnahmesession für den Goyko Schmidt-Sampler ganz gut im Fluß waren, wurden halt noch 2 neue Stücke aufgenommen. Das ging auch alles sehr fix.  Live eingespielt, wie schon die „Figfried & rOi“-Platte. Und der Produzent kam mit seinem Krempel diesmal direkt in den Probenraum. Das war die beste Garantie, daß es pankt.

 

Der Opener „Osama bin durstig“ ist wieder mal ein doppeldeutiger Song. Worum geht es in dem Song?

Er ist als kleine Geschichte aufgebaut. Zu einer Zeit, als die Taliban noch Freunde des Westens waren, floh ein Ossi mit einem Heißluftballon statt in den goldenen Westen, aufgrund von Windrichtungsänderungen, direkt an den Hindukusch. Dort traf er Osama und freundete sich mit ihm an. Die 2. und 3. Strophe befassen sich mit seinem weiteren Werdegang als Oberstrolch des Westens, welcher darin mündet, daß er sich einer Geschlechtsumwandlung unterzog und seine Tarnung durch die Tätigkeit als Bundeskanzlerin perfektionierte. Und natürlich reizt es uns in alter Punktradition, offizielle Haßsubjekte zu entschärfen.  Auch weil  die vermeintliche "Wahrheit" und die Realität in der amerikanisierten westlichen Einheitsweltanschauung nicht miteinander verwandt sind.

 

Mit „Ostberlin“ covert Ihr Goyko Schmidt und das Lied würde auch gut zu Euch passen. Warum covert Ihr als Thüringer ein Lied über Ostberlin?

Weil wir Thüringer sind.  Weil wir Ossis sind. Und weil im Osten viele "Berliner" gesächselt haben.

 

Ihr seid ja auch auf dem Goyko Schmidt-Tribut vertreten. Wie kam es dazu, hattet Ihr Interesse, oder kam auf Euch jemand zu und wer war das?

Max von Oi the Nische hatte uns gefragt und wir haben ja gesagt.

 

Was bedeuten Goyko Schmidt für Euch?

Die hatten einen schönen Bandnamen. Besser geht's nicht. Die „Mitropameeting“ hatte ich beim Scumfuckausverkauf für 5 € geschossen. Mit Tourbolover, der quasi Nachfolgeband, hatten wir mal in Spremberg zusammen gespielt. Die Band stellte während ihres Auftritts die Quizfrage, was Spremberg auf sorbisch heißt, worauf wir aus dem Publikum riefen: "Spremwitz". Wir verstanden uns sofort gut.

 

Nun noch zum letzten Song. Worum geht es in “Provinzmädchen“?

Attraktives ProvinzSchmusi statt DiscoSusi.

 

Wieder einmal herzlichen Dank für Eure Mühen, meine nervigen Fragen zu beantworten und Euch weiterhin alles Gute, viel Einfallsreichtum für Eure genialen Texte! Die letzten Worte gehören Euch, Cheers!

Brust rein, Bauch raus. Prost!

 

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