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Frühstückspause

Interview: Meik

Frühstückspause – 4 Vollalben – 10 Jahre Bandgeschichte, Worte die in Stein gemeißelt sind und man muß ihnen den Spagat zwischen Humor und Gesellschaftskritik neidlos zugestehen. Für mich sind sie längst ernstzunehmende Alternative zu den Lokalmatadoren, die zwar noch nicht aufs Altenteil gehören, sich aber vor den Altenburgern in acht nehmen sollten...;-) Wieder ist ein humorvolles, aber auch ernsthaftes, Interview rausgekommen. All das macht die Jungs nur sympathisch. Lest selber, was es zur neuen Platte, und darüber hinaus, zu sagen gibt.

 

Moin Jungs, alles klar, auf der Andrea Doria? Auf das ewige Vorstellungsgequatsche können wir wohl verzichten. Gab es nennenswerte Änderungen in der Besetzung, oder andere wichtige Fakten aus der Bandgeschichte, die Ihr den Lesern preisgeben wollt?

Vollki: Hallo, viel hat sich bei uns in der Tat nicht geändert. Außer, dass an der Trommel seit längerer Zeit der David sitzt. Und unser Gitarrist Hupe gab, wie schon zuvor Pille und ich, die Kontrolle über sein Leben auf, sprich er lebt in einer festen Beziehung und wird in Kürze Papa.      

 

Mit „Figfried & Roi!“ habt Ihr Album Nummer 4 am Start und Ihr habt damit einmal mehr bewiesen, daß die Lokalmatadore ernstzunehmende Konkurrenz haben. Mögt Ihr Vergleiche mit den Mülheimer Prol(l)eten? Würdet Ihr Euch selber in der Sparte Lokalmatadore und Co verorten?

Vollki: Die frühen Platten von denen sind echt lustig. Sie sorgten, speziell in meiner damaligen Freundeskreiszusammensetzung, Anfang der neunziger Jahre, für eine zunehmende Ent-RACnifizierung mit einhergehender Asozialisierung. Übrigens war damals bei uns auch Saccara auf derselben Kassette und lief ebenfalls unter dem Banner "asoziale Musik". So war das eben. Damals gründeten wir die Band Frommzer, in der ich und später auch Hupe, mitspielten. Auch diese Band machte ausschließlich Assimucke, obwohl es sich von der Besetzung und musikalischen Verpackung her doch eher um eine Skinband handelte. Ohne Frommzer hätte es Frühstückspause vermutlich nicht gegeben. So gesehen stehen wir schon irgendwie in dem Lokali&Co-Kontext.

 

Seid Ihr zufrieden mit dem aktuellen Werk, oder würdet Ihr jetzt noch was verändern, wenn Ihr denn könntet?

Vollki: Wenn du Musik machst, muss immer dein neuester Song dein Lieblingssong bzw. deine neueste Platte deine Lieblingsplatte sein. Sonst wird deine Musik Scheisse. Für meine Bandkumpels und mich ist „Voll 4“ das Lieblings-FP-Album. So gesehen gibt es für uns keinen Grund, sich im Nachgang zu ärgern. Erstmals haben wir Gitarre, Bass und Schlagzeug gleichzeitig aufgenommen. Das war zwar anstrengend, hat sich vom Resultat her aber gelohnt. Im Studio haben die Leute uns Proberaum-Atmosphäre geschaffen, was uns die nötige Vertrautheit und Sicherheit brachte. Dadurch ist die Musik frisch und lebendig geblieben. Als Nebeneffekt waren wir natürlich schnell fertig und Bandworm bekam eine labelfreundliche Rechnung.

 

Wer kam denn auf den herrlich albernen und anspielenden Titelnamen und wie und warum dieser Titel?          Vollki: „Ballast der Republik“ von den Toten Hosen brachte uns auf die Idee, irgendeine Wortverhunzung als Albumtitel zu nehmen. Auf dem Weg zur Arbeit kam ich auf „Fickfried und Oi“ und rief dann gleich die Kollegen an, die zwar erst lachten, dann aber teilweise doch Bedenken hatten. Naja, in Ermangelung besserer Ideen, wurde dieser Titel halt dann doch so ähnlich übernommen.
 

Gleich mit dem Opener „Obama“ brecht Ihr für die PC-Polizei sicher ein Tabu, da solch lyrische Ergüsse sicher nicht jedem schmecken... Das Weiße Haus heißt ja nun schon länger Barack Obama und seine Politik ist nicht unumstritten. Warum nehmt Ihr Obama auf die Schippe, oder habt Ihr eingesehen, daß es jetzt „normaler“ zugeht im Weißen Haus?!?

Vollki: Eujeujeu, jetzt kommt die Politikseite; Die Zeile "Obama ist ja auch kein Kannibale" mehr fiel während eines Telefonats zwischen Hupe und mir. Vermutlich ging es in diesem Gespräch wieder um unsere "Altlasten", welche uns schon so manchen Auftritt kosteten. Und wenn einmal eine plakative Zeile steht, ist der restliche Text ein Klacks. Obama ist mir/uns relativ egal. Natürlich macht sich Obama an der Bioladenwandzeitung besser als George Busch. Er ist damit auch eine prima Mogelpackung, um die amerikanische Außenpolitik an den Bildungsbürger durchzureichen. Dabei wird leicht übersehen, dass O. im Vergleich zu seinem Vorgänger einen viel höheren Rüstungsetat verbraten hat und auch sonst seine blutige Spur um einiges intensiver verlief. Daher finde ich den Kannibalenvergleich durchaus angemessen. Und natürlich soll der Song beim Bioladen-Bildungsbürgertum schön anecken. Naja, am Ende ist es ja auch ein bisschen 'ne Schmunzelnummer geworden.                                                                                                       

 

Mit „Die böhsen Gucker“ nehmt Ihr die bekloppte Deutschrockszene auf die Schippe. Es ist eine ebenso umstrittene wie beliebte Stilrichtung und viele Szenebands wollen vom Kuchen ein Stück abhaben und versuchen sich mehr oder minder schlecht am Erbe der Onkelz. Erzählt mal etwas mehr über die Hintergründe zum Lied, über Eure Einstellung zum Genre und Eure Meinung zu Bands wie Frei.Wild und Konsorten.                                                          

Vollki: Inspiriert ist dieser Song durch ein Katalogcover, welches eine Deutschrockband zierte. Und die haben so herrlich aufgesetzt böse geguckt. Und darum geht's in diesem Song auch. Dass viele Bands, und das gilt nicht nur für Deutschrock, als Privatpersonen Universen weit weg von ihren harten Texten sind. Naja, andererseits lecken wir ja auch nicht jeden Tag an der Holzfotze;-))) (Song 4 unserer Ep "Intermezzo d' amore", kleine Schleichwerbung am Rande). Ansonsten haben wir nichts gegen Frei.wild, Kraftclub, Mia, Lindenberg, Grönemeier, Maffay usw.. Na, außer vielleicht BAP, die gehen für meinen Geschmack wirklich nicht. Frei.wild waren ja mal Labelkollegen und daher steht das Geweih bei uns automatisch unter Naturschutz. Aber du hast schon recht, der Onkelzkuchen hat noch genug Kalorien, auch für neue Deutschrockbands. Und viele wollen davon was abhaben. Wir haben mal mit 'ner Deutschrockband zusammengespielt, die fingen vor zig Jahren als Rio Reiser-Coverband an. Das sagt doch alles und bestätigt das oben Geschriebene. Wobei die meisten Deutschrockhetzter doch in Wirklichkeit nur den kommerziellen Erfolg dieser Bands neiden. Die haben natürlich auch besseres Koks und bessere Nutten. Bei uns sehen Sex and Drugs and Rock'n'Roll wie folgt aus: Sex – wenn uns mal ein fremdes Girl irgendwie auf der Fahrt begleitet, sieht dies meist aus, als hätte es einen schweren Verkehrsunfall hinter sich; Drugs – im Proberaum steht oft 0,29€ Plörre; und sind wir Rock'n'Roller? – klar, meine Tochter hat 'nen Roller…..

 

Käme für Euch eine Festivalteilnahme mit Überhang an Deutschrockbands in Frage und warum Ja, oder warum Nein?

Vollki: Na klar. Das gehört zu unserem Bandstatut, überall zu spielen. Wir wurden auch mal für eine Silberhochzeit gebucht, aber kurz vorher wieder abbestellt.

 

Mit „Ei-Fön“ nehmt Ihr den bekloppten Run auf, vom Mainstream aufdiktierte, Statussymbole auf's Korn und der Text ist wieder herrlich bekloppt, aber eben mit ernstem Hintergedanken und ich glaube mit Dialekt würde das Stück noch besser rüberkommen. Wie kamt Ihr denn auf diesen Kracher?

Vollki: Auf so einen Scheiß zu kommen, ist wirklich ein dankenswerter Zufall. Das kann man auch nicht auf Kommando schreiben. Am Anfang stand wieder des Titelwort Eifoen und der Rest wurde dann halt in einem offensichtlich günstigen Moment drumherum gebastelt. Neben dem Fun gibt's hier quasi als Abfallprodukt noch 'ne Brise Gesellschaftskritik.

 

Der Titelsong zeigt mal wieder Eure spielerischen Fähigkeiten und ich war schier begeistert, als ich plötzlich die Riffs von Thin Lizzys „Whiskey in the jar“ vernahm. Wie kamt Ihr darauf, die geniale Melodie in Euer Titellied einzubauen?

Vollki: Dieses Stück kam noch zum Schluss mit auf Album. Den Albumtitel hatten wir ja schon, nur der passende Song fehlte noch. Und „Whiskey in the jar“ fungierte bereits als Leitmelodie beim Texten. Aus Bequemlichkeit und weil's ganz gut klang, haben wir die Melodie halt beibehalten.       
 

Was hat es mit dem Text zum Titellied auf sich? Er klingt ja doch schon leicht homophob und ist somit nicht gerade Punkrockmainstream...

Vollki: Den habe ich, leicht angetrunken, am 2. Geburtstag meiner jüngsten Tochter geschrieben. Nun frag mich nicht, welche Synapsen dadurch kurzgeschlossen waren. Ansonsten ist es ja eine wertungsfreie Love Story ;-). Vielleicht sollten wir die Scheibe mal dem Plastic Bomb zuspielen. Da dürfte die Rubrik „Arschbombe des Monats“ für uns so gut wie sicher sein. Im Moloko waren wir bereits Platz 1 der Flop3. Du liegst also richtig, wenn du uns Mainstream-Kompatibilität absprichst.

 

In „Tätowiert“ habt Ihr die genial kranke Zeile „...Obwohl er schon Jahre tot war, fragt er sich am nächsten Tag, `Soll ich aus dem Fenster springen, oder fahr' ich zu Ikea?´...“. Wie kommt man nur auf so krank geniale Brüller?!?

Vollki: Beim Schreiben dieser Zeile sollte ein bisschen Hamburger Schule mitschwingen. Das Endresultat war dann doch bloß wieder ein lyrisches Krebsgeschwür.

 

Und auch der Jet-Set-Rock'n'Roll bekommt in „Rock & Roll“ sein Fett weg und das auf gewohnt genial amüsante Weise. Nehmen wir das Lied mal zum Aufhänger der allgemeinen Vereinnahmung jeglicher Subkulturen durch den Kommerz. Dies ist ja leider nicht erst seit gestern so und wenn angebliche Szenebands wie Haudegen in Soaps wie GZSZ auftauchen, ist es doch nur ein kleiner Schritt, bis meinetwegen Krawallbrüder bei Wetten dass...? spielen dürfen. Was haltet Ihr von der allgemeinen Kommerzialisierung der Szene und wie kann man dem entgegentreten, oder sollte man das als Lauf der Zeit akzeptieren?

Vollki: Da fast alle relevanten Kommerzbands, egal ob Oi!, Punk oder Deutschrock, im Underground wurzelten, muss man sich um die nichtkommerzielle Szene keine Sorgen machen. Sie ist aus diesem Grund ein unverzichtbarer Teil der gesamten Musikmaschinerie. Natürlich definieren Bands wie Broilers, Frei.wild und Co die Ziele und Träume von Nachwuchs-Oi!-Bands neu. Das blockiert allerdings auch jegliche Individualität und Innovation, der kommerzielle Motor fährt sich dadurch irgendwann fest. Das war schon zu Zeiten der Sex Pistols so, wiederholte sich bei der Neuen Deutschen Welle usw.. Übrig bleiben die Idealisten der jeweiligen Welle. Wie zum Beispiel Charlie Harper (UK Subs) oder Peter Hein (Family 5). Übrig bleibt der Underground. Deshalb kann man den kommerziellen Motor getrost vor sich hin laufen lassen.

 

Mit „Viva las Altenburg“ vertont Ihr nicht nur eine weitere Rockhymne, sondern setzt Eurer Heimat auch ein kleines Denkmal. Was macht Altenburg so lebenswert, oder auch nicht?

Vollki: Altenburg ist tiefste DDR-Provinz, in welcher der Schein das Sein regiert. Ansonsten ist's wie überall auf der Welt; es gibt Menschen, Häuser, Strassen, Autos. Ein Konzert unserer früheren Band Frommzer wurde vom damaligen OB persönlich unterbunden. Das sagt alles. Aber da von uns niemand einen Bezug zu Alabama hat, haben wir den Lynyrd Skynyrd-Kracher auf Altenburg umgemünzt. Nachtragend wie wir sind, durfte hier der verdiente Schlammwurf nicht ausbleiben. Ausser David leben inzwischen alle Gruppenmitgieder auf dem Lande. Mein Kaff könnte rein architektonisch auch Obihausen heißen. Aber ich glaube, dass interessiert Deine Leser eher weniger.

 

Lebensmittelskandale sind derzeit hip und da Ihr ja immer wieder solche Geschehnisse verwurstet, würde mich interessieren, wie Ihr das Thema Pferdefleisch in der Lasagne vertexten würdet? Ein schöner Titel wäre ja „...und die Pute war 'ne Stute“ o.ä., haha.

Vollki: Das ist eine gute Idee, wir werden mal darüber nachdenken. Vielleicht: "Die Lasagne war aus Holz, das kann es doch nicht geben, gemacht aus Schaukelpferd ohne Eigenleben….". Oder so ähnlich;-).

 

Der Papst ist abgetreten, es lebe der neue Papst, sofern einer gewählt wird... Was würdet Ihr daraus für einen Text machen?

Vollki: Vielleicht was richtig Plattes: "Ein Pope im PoPo vom Popen ohlala" (kennt jemand das Originalkinderlied von Gerhard Schöne: „ein Popel ein Popel ein Popel olala?). Wer weiß, wie der Geheimdienst des Vatikans an der asexuellen Fassade vom Ratze gepickert hat. Eigentlich machte Ratze auf mich nie den Eindruck eines potentiellen Rücktreters. Eher wirkte er auf mich machtgeil, selbstherrlich und rechthaberisch. Ansonsten finde ich, dass diesem mittelalterlichen Mummenschanz viel zu viel Aufmerksamkeit geschenkt wird.

 

4 Alben und eins genialer als das andere...;-) Gehen Euch da nicht langsam die witzigen und genialen Ideen aus?

Vollki: Oh, vielen Dank. Langsam beginnen wir mit „Voll 5“. Hier schonmal ein kleiner textlicher Vorgeschmack: "Er sah hässlich aus, die Kalaschnikow war rostig, ich sagte zu ihm Osama bin durstig" usw. Bis jetzt scheinen die Grütze-Synapsen noch gut zu funktionieren. Anatomisch besteht daher keine Chance, Songs wie "an Tagen wie diesen" zu schreiben.

 

Das Jahr ist noch jung. Was können wir dieses Jahr noch von Euch erwarten?

Vollki: Wir haben in diesem Jahr 10 Jahre FP. Ein Paar Konzerte an ungewöhnlichen Orten könnten wir uns vorstellen. Z.B. in 'ner Ballettschule oder auf 'ner Modellbahnausstellung oder im Hundezwinger oder im Weinkeller von 'nem Bonzensohn usw.. Wer uns diesbezüglich zu sich locken will, darf sich gerne bei uns unter fruehstuecks-pause@web.de melden. Wenn wir den Vorschlag spannend finden und gut verpflegt werden, greifen wir bestimmt an.                             

 

Okay, Zeit für letzte Worte.

Vollki: Danke an alle, die nicht zum Lachen in den Keller müssen und uns über die Jahre treu bleiben. Cheers.

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